Some things never change

Am Montag den 04.07.2016 hatte die stalinistische Gruppe „Antikapitalistische Aktion Bonn“, zu einem Vortrag mit dem Thema „Faschisten in Israel“ geladen. Der Vortrag und die anschließende Diskussion zeigte einmal mehr die Abgründe der sich als antizionistisch verstehenden jedoch antisemitisch agitierenden Teilen der Bonner Linken, weshalb wir hier Ausschnitte des Abends kritisch dokumentieren möchten.

Der Beginn des Vortrags ließ bereits durch eine mehr als krude Faschismusdefinition furchtbares erahnen. Faschismus, so der Referent Y., sei die „krasse Unterdrückung von Widerstand durch den Staat“ (als müsste ein Staat nicht per se Gewalt ausüben um seine Machthoheit zu behaupten) bei dem gleichzeitigen Versuch „durch Betrug eine Massenbasis zu schaffen“. Die hier zitierte Faschismusdefinition des Referenten war jedoch lediglich der erste Hinweis darauf, dass es inhaltlich nicht um irgendwelche herbeidefinierten „Faschisten in Israel“ gehen würde, sondern darum, den israelischen Staat in Gänze als faschistisch zu brandmarken, was im Verlauf auch explizit bestätigt wurde.

In Folge zeigte Y. eine Reihe von teilweise nachvertonten youtube-Videos und Zitaten, die die Positionen israelischer Siedler aus Judäa und Samaria sowie politischer Hardliner wie Michael Ben-Ari oder Avigdor Lieberman darstellen sollten. Die völlig einseitige Darstellung gipfelte in der Präsentation eines Filmausschnitts, der die Erschießung eines entwaffneten palästinensischen Terroristen durch einen Soldaten der IDF in Hebron zeigte.
Dass die schockierende Wirkung des Filmausschnitts auf viele der minderjährigen Zuschauer nicht bloß in Kauf genommen sondern gezielt forciert wurde, zeigten die zahlreichen aufgewühlten Redebeiträge im Anschluss an die Szene. Zwar erwähnte der Referent die Tatsache, dass es nach dem gezeigten Vorfall zu einem juristischen Prozess gegen den gezeigten Soldaten gekommen sei, sofort orakelete er jedoch, dass es „wahrscheinlich nicht zu einer Verurteilung“ kommen würde. Eine mehr als fragwürdig anmutende Wahrsagung in Anbetracht der Anfang des Jahres zu lebenslanger bzw. 21jährger Haft verurteilten Israelis, welche einen palästinensischen Jugendlichen getötet hatten. Der in der palästinensischen Gemeinde übliche Jubel nach Morden an Jüdinnen und Juden, wie z.B. dem 13jährigen israelischen Mädchen, welches am 29.06.2016 von einem palästinensischen Mann im Schlaf erstochen wurde, sowie die gesamten palästinensischen Messerattacken seit September 2015 rechtfertigten der Referent sowie Teile der Zuhörer mit dem für sie unfassbaren Leid, welches die Palästinenser täglich erlebten.
Auch die Reaktionen israelischer Politiker zu dem im Video gezeigten Vorfall nutzte der Referent durch völlig aus dem Kontext gelöste Zitate um die gesamte israelische Regierung des Faschismus zu bezichtigen. Was sich zum Beginn lediglich andeutete, wurde spätestens zu diesem Zeitpunkt deutlich: Der gesamte Vortrag hatte das einzige Ziel den israelischen Staat in Gänze zu delegitimieren.
Nicht fehlen durfte dabei die unter der Ankündigung „historischer Rückgriffe“ präsentierte Karte zum „Palestinian loss of land“, deren Darstellung zu suggerieren versucht, das britische Mandatsgebiet von 1946 sei zu über 90% von „Palästinensern“ bewohnt gewesen. Ein paar weiße Flecken stellen hierbei die jüdischen Siedlungen dar, welche im Verlauf der Diskussion noch eine prominente Rolle einnehmen sollten. Die leider wenig informierten Zuhörer begriffen daher nicht, dass es sich bei dem als „palästinensisches Land“ markierten Gebiet um das britische Mandatsgebiet handelte (weder gab es 1946 einen Staat Palästina noch Israel), welches insgesamt nur spärlich durch sowohl Araber als auch Juden besiedelt war und daher nicht als „im Besitz der Palästinenser“ bezeichnet werden kann. Auch die existenzielle Bedrohung Israels durch die arabischen Nachbarstaaten als Ursachen für den Gründungskrieg sowie den Sechstagekrieg wurden als „angebliche Aggressionen der Araber“ geleugnet, sodass die israelischen Landgewinne im Vortrag nicht als Folge der arabischen Aggressionen zu erkennen waren.

Fake Map

Trotz dieser gezielten Fehldarstellung, die einer historischen Entwicklung der israelischen Grenzen völlig zuwiderläuft, äußerte der Referent beseelt von dem Wunsch nach einer Ein-Staatenlösung für ein friedliches Zusammenleben von Juden und Arabern zu sein. Konterkariert wurde dieser Wunsch jedoch durch seine Feststellung, alle jüdischen Siedlungen im britischen Mandatsgebiet seien bereits vor 1929 die Ursache eines palästinensischen „Widerstands“ gewesen und auch die heutigen Siedlungen in Judäa und Samaria müssten in einem ersten Schritt hin zu einer friedlichen Lösung geräumt werden. Die Nachfrage, ob diese bloß vermeintlich friedliche Endlösung unter solchen Prämissen lediglich in der Forderung eines judenfreien Palästinas münden könne, ließ der Referent unbeantwortet. In Anbetracht der Tatsache, dass er jedoch alles Übel im israelischen Staat – der sowohl arabische, muslimische wie jüdische Menschen schützt – auszumachen versuchte und offenkundig den antisemitischen Terror gegenüber Juden stets als berechtigten „Widerstand“ titulierte, war eine Beantwortung auch nicht notwendig um festzustellen wes Geistes Kind der Referent ist.

Unzweifelhaft zeigte sich an diesem Punkt, dass sowohl der Referent als auch große Teile des Publikums, welche immer wieder durch israelfeindliche Zwischenrufe auffielen, den Zionismus in Totum ablehnen und ihre Forderung nach der Selbstbestimmung eines palästinensischen Volkes, so wie eben dieses es selbst tut, mit dem Wunsch eines judenfreien Orients verbinden. Einen im Kern eliminatorischen Antisemitismus wiesen die anwesenden Veranstalter und Gäste selbstredend von sich und beklagten die Ihnen gegenüber vorgetragenen Vorwürfe als inflationär genutztes Totschlag-Argument.
Statt inhaltlich auf kritische Anmerkungen einzugehen, fuhr der Referent fort, den Zuhörern das Leben der Bewohner der palästinensischen Autonomiegebiete zu schildern. Dies sei täglich geprägt von Übergriffen durch Siedler sowie militärischer Willkür und Schikane durch israelische Soldaten an den Checkpoints zu Israel. Ergänzt wurde diese einseitig überspitzte Darstellung von einem Zwischenruf, es handele sich hierbei um eine milde Form der Folter. Bei der Darstellung der Checkpoints selbst, verlor der Referent leider das Prinzip von Ursache und Wirkung aus den Augen, als er den palästinensischen Terrorismus als Folge der Schikane an den Checkpoints verklärte. Dass die Errichtung des israelischen Schutzzauns eine Folge der zahlreichen Selbstmordattentate auf die israelische Zivilbevölkerung war, wurde weder erwähnt noch in der Diskussion beantwortet. Auch die Tatsache, dass ca. 100.000 Palästinenser täglich in Israel zur Arbeit gehen ohne dabei stundenlang festgehalten, gefesselt oder bedroht zu werden, wie der Referent es zu suggerieren versuchte, schien die Anwesenden nicht zu verwundern.
Selbstredend, bemühte sich Y. zum Ende seines Vortrages auf die geostrategische Rolle Israels für die USA und den Westen zu verweisen und Israel als Speerspitze westlicher Aggressionen zu kennzeichnen, welche nach seinen Angaben in Deutschland sowohl durch die Regierung als auch große Teile „der (antideutschen) Linken“ Unterstützung finden würde und an genau diesem Punkt von deutschen Linken zu bekämpfen sei.

Die Nachfrage nach Quellen zu seinen Ausführungen beantwortete Y. lediglich mit Hinweisen auf den notorisch antizionistischen Ilan Pappe, welcher illustre Werke wie „Die ethnische Säuberung Palästinas“ sein geistiges Eigentum nennen darf, sowie eine Website namens „electronic intifada“.
In der Diskussion brach sich dann endgültig Bahn, was im Referat noch unter der Präsentation vermeintlicher Fakten zu verdecken versucht wurde. In Redebeiträgen wurde von einem „Holocaust an den Palästinensern“ fantasiert und der israelische Staat mit dem IS gleichgesetzt, da beide schließlich „einen Staat lediglich für eine Religionsgruppe“ wollten, was bei den anderen Zuhörern tosenden Beifall erntete. Der Hinweis auf die mit 13 Sitzen in der Knesset vertretene Vereinte (Arabische) Liste wurde auch an diesem Punkt erneut ignoriert.
Die Narrenkrone verdiente sich jedoch der langjährige Jugendvorstand der Gewerkschaft ver.di in NRW-Süd, welcher in seinem wahnhaft anmutenden Co-Referat von vermeintlichen Einsätzen israelischer Soldaten in Lateinamerika zu berichten wusste. Dieser Einsatz diene der Entlastung der US-Army um den dortigen gesamten lateinamerikanischen Widerstand gegen den US-Amerikanischen Imperialismus zu zerschlagen. Des Weiteren wurde der palästinensische Terror als Folge des europäischen Kolonialismus gerechtfertigt sowie die (Wahn-)Vorstellung präsentiert, die Geschicke der gesamten Welt seien lediglich durch die 500 größten Banken und Konzerne gelenkt. Auch hierfür erntete der motorisch getrieben wirkende Co-Referent donnernden Applaus. Verweise auf die millionenfache Versklavung der afrikanischen Bevölkerung durch islamische Sklavenhändler, wie sie etwa von Tidiane N‘Diaye in seinem Buch „Der verschleierte Völkermord – Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels“ beschrieben wird, fehlten selbstredend in Gänze. Der Verweis auf den Kolonialismus ist dabei in mehrfacher Hinsicht problematisch. Einerseits wird hier den Palästinensern schlicht die Verantwortung für ihre konkreten Taten abgesprochen; als wären sie Kinder soll jede noch so menschenverachtende Tat Verständnis nach sich ziehen, angesichts der Taten des Westens. Andererseits wird eine Dichotomie zwischen „bösem Westen“ und „gutem Orient“ aufgemacht, die sowohl bezogen auf die Palästinenser (angesichts der Pogrome gegen Juden vor der israelischen Staatsgründung) als auch auf die arabische Welt insgesamt, sich angesichts der millionenfachen Versklavung der afrikanischen Bevölkerung durch islamische Sklavenhändler nicht aufrechterhalten lässt.
Die Veranstaltung machte erneut deutlich, dass sich gegen antisemitischen Wahn nicht argumentieren lässt. Erschreckend bleibt jedoch festzustellen, mit welcher Offenheit sich der Hass auf den israelischen Staat als Schutzraum für alle vom Antisemitismus Bedrohten in Vortrag und Diskussion entlud. Die zahlreichen Bekundungen einiger Zuhörer, „auf keiner Seite des Nahostkonflikts“ zu stehen und die geäußerten Wünsche nach einer friedlichen Lösung, klangen im Halo der Diskussion dennoch sehr nach dem Wunsch einer Lösung der Judenfrage im Nahen Osten, welche die Veranstalter, wie oben bereits beschrieben, sehr eindeutig zu beantworten wussten: Der Staat Israel müsse verschwinden. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass sich einige Anwesende Gäste auch außerhalb der angetroffenen Zusammenhänge um Aufklärung und Kritik bemühen, in dem Wunsch, dem einseitigen und propagandistischen Bild der Bonner Stalinisten zu entkommen.

Gruppe Phoenix,
05.07.2016


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